Reckendorf
Brauerei-Hochburg im Altlandkreis Ebern

 

An einem Corona-Sonntag machte ich eine kleine Spazierfahrt in den ehemaligen Landkreis Ebern und schaute mich mal in Reckendorf um. Dort gab und gibt es um den Kirchturm herum gleich 5 Brauereien: Die große Schloßbrauerei sowie die Brauerei Schroll versorgen nach wie vor ihre Gäste mit selbstgebrautem Bier. Von der Hirschbrauerei Lechner und von der Zeck-Bräu Josef Stolbinger existieren noch die Gasthäuser und Teile der Brauereianlagen. Nur noch das Gebäude des ehemaligen Gasthofes kann man von der Brauerei Sippel erkennen. Die ehemaligen Brauereianlagen im Inneren wurden längst überbaut.

Schloßbrauerei Reckendorf Georg Dirauf GmbH & Co. KG

 

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Aus alten Urkunden läßt sich zweifelsfrei belegen, dass mindestens ab 1597 am ehemaligen Schloss Bier gebraut werden durfte. Während das alte Wasserschloß im Verlauf des 19. Jahrhunderts immer mehr verfiel und vollständig abgetragen wurde, blieben Brauerei und Gastwirtschaft bis heute bestehen.

1930 pachtete der gebürtige Reckendorfer Georg Dirauf Brauerei und Gastwirtschaft, bevor er das ganze Anwesen im Jahr 1952 käuflich erwarb. Er entwickelte die kleine Landbrauerei mit anfänglich 400 hl Jahresausstoß zu einem stattlichen Betrieb mit großem Kundenkreis. Nach dem Tod von Georg Dirauf übernahm seine Tochter Lonia Eichhorn das Unternehmen. Heute leitet deren Sohn, der Enkel von Georg Dirauf, Diplom-Ingenieur und Braumeister Dominik Eichhorn die Geschicke der Brauerei.

Die Bilder 9-15 wurden dem Buch "Reckendorf - Kultur und Kultus" (Adelheid Waschka, 2007, Herausgeber Gemeinde Reckendorf) entnommen

Brauerei Schroll

 

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Direkt an der Hauptstraße fallen die markanten Gebäude der Brauerei Schroll sofort ins Auge: Das wunderschöne Fachwerkhaus der Gaststätte, sowie die ungewöhnlich große Brauerei mit ehemaliger Mälzerei.

Die Tradition der Brauerei Schroll läßt sich bis ins Jahr 1750 zurück verfolgen. Im Jahr 1874 heiratete Nikolaus Schmitt aus Mürsbach ein und gab der bisherigen Brauerei Rattinger einen neuen Namen. Sein Enkel Karl Schmitt erbaute 1961 das neue Brauhaus und führte den Betrieb etwa bis 1965. Dann übernahm Schwiegersohn Rudolf Schroll und aktuell steht dessen Sohn, Braumeister Karl-Heinz Schroll an der Sudpfanne.  Der Klassiker der Brauerei ist ein dunkles Bier – der „Urtrunk“. Abnehmer des leckeren Gerstensaftes sind private Kunden, einige andere Gasthäuser und kleinere Supermärkte in der Region.

Brauerei zum Hirschen Hans Lechner (1634-1964)

 

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Ebenfalls an der Hauptstraße steht die verlassene Gaststätte Lechner und wirbt mit einem modernen Ausleger für "Keiler-Biere" aus Lohr bzw. Würzburg oder letztendlich Kulmbach - egal, die letzten Gäste haben sich wohl schon etwas länger verabschiedet. Im Hinterhof kann man noch die ehemaligen Brauereigebäude begutachten.

Gründung der Brauerei war bereits 1634. Die Ära der Familie Lechner begann 1886, als Michael Lechner aus Oberköst die Konzession dieser Brau- und Gaststätte erwarb. Sein Sohn Johann und wiederum dessen Sohn Hans Lechner führten die Brautradition weiter, bis schließlich im Jahr 1964 der Braubetrieb eingestellt wurde. Die bei vielen Ortsvereinen beliebte Gaststätte wurde von Rosl Lechner noch viele Jahre weitergeführt.

Zeckbräu Josef Stolbinger (ca. 1750-1960)

 

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In direkter Nachbarschaft zum Hirschen steht die ehemalige Brauerei Stolbinger. Die alte Brauerei im Innenhof gefällt durch ihre Backsteinbauweise mit dem urigen Kamin und einem Storchennest als Krönung.

Gegründet wurde die Brauerei wahrscheinlich schon vor 1750 unter dem Namen "zum goldenen Wagen". Um 1880 kaufte Georg Zeck aus Stettfeld das Anwesen und er bzw. seine Familie führten bis etwa 1930 den Betrieb. Dann kam Josef Stolbinger von der Karmeliten-Brauerei aus Bamberg nach Reckendorf und führte den Betrieb als "Zeck´sche Brauerei" weiter. Unter seinem Sohn Lothar Stolbinger endete 1960 schließlich die lange Tradition der Bierherstellung. Auf dem Dachboden in Reckendorf wurde vor etlichen Jahren ein Schwung der alten Bierdeckel von der Karmelitenbräu aus Bamberg gefunden - es wurde damals nichts weggeworfen!

Brauerei Sippel (ca. 1900-1942)

 

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Am wenigsten bekannt ist die ehemalige Brauerei Sippel, ebenfalls an der Hauptstraße hinter dem Kriegerdenkmal gelegen. Die Gründung dürfte weit vor 1900 erfolgt sein, Johann und Andreas Sippel waren die letzten Braumeister. Ganze zweimal im Jahr wurde eigenes Bier eingebraut, fehlende Kapazitäten wurden von der Schloßbräu zugesteuert. Dort hatte eine Sippel-Schwester eingeheiratet und verwandschaftliche Verbindungen konnten genutzt werden. Leider verstarb Andreas Sippel im Jahr 1942, nur ein Jahr, nachdem sein Sohn Wilhelm im Krieg gefallen war und der Braubetrieb wurde eingestellt. Michael Schwengler, der eingeheiratet hatte und seine Nachfahren führten die Bierherstellung nicht mehr fort und betrieben die Gastwirtschaft auch nur noch bis kurz nach Kriegsende, bis ca. 1948.

Die Bilder 4 und 5 wurden dem Buch "Reckendorf - Kultur und Kultus" (Adelheid Waschka, 2007, Herausgeber Gemeinde Reckendorf) entnommen. Die Bilder des Kruges hat mir die Buchautorin Adelheid Waschka überlassen.

 

Alte Bierdeckel aus Franken 0